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Visionen

Zurückblickend auf mehr als 30 Jahre politischer Arbeit in Hannover als Mitglied der SPD sind es zwei wichtige Teilbereiche, die meine politischen Vorstellungen der vergangenen Jahre wesentlich geprägt haben und auch meine zukünftige Arbeit beeinflussen werden.

Die Zeit des Nationalsozialismus und des schuldhaft verantworteten Krieges gehören für mich, der ich 1940 geboren wurde, meinen Vater und andere Familienangehörige im Krieg verloren habe und die Auseinandersetzungen um diese Zeit der Barbarei in den 60er Jahren hautnah erlebte, zu den existentiellen Grundlagen meines Denkens und Fühlens. Dem Völkerhass seine Grundlagen zu entziehen, durch historisches Wissen, Bildung und Kommunikation und damit Kriege zu verhindern, galt deswegen immer mein ganzes Engagement.

Als jemand, der in der damaligen DDR aufgewachsen ist und das Land verlassen hat, weiß ich aus persönlicher Erfahrung, wie es ist, in einem geteilten Land und mit einer getrennten Familie zu leben. Die Ost-Politik Willy Brandts und die damit verbundene Friedenspolitik war ein wichtiger Grund, weswegen ich Ende der 60er Jahre in die SPD eingetreten bin. Ohne diese Ost-Politik und die damit verbundene Normalisierung im Verhältnis zur DDR wären die Lasten der Teilung, die insbesondere die Bevölkerung in der DDR zu tragen hatte, ungleich höher gewesen. Dass dieser Grundpfeiler meines politischen Denkens am 9. November 1989 wegbrach, gehört für mich zu den großen Glücksmomenten meines persönlichen und politischen Lebens.

Umso entsetzter war ich, dass fast 50 Jahre nach Kriegsende und trotz Aufklärung und Bildung in einem europäischen Land nach dem Zusammenbruch des Ost-West-Gegensatzes ein neuer Krieg, ausgetragen mit ungeheurer Brutalität, ausbrach. Jugoslawien ist für mich zu einem Synonym für das Ungenügen der europäischen Friedensbemühungen durch Aufklärung und Bildung geworden. Wenn ich also heute über politische Visionen nachdenke, dann auch auf der Basis von Ernüchterung in Bezug auf das, was Bildung leisten kann und deutsche bzw. internationale Politik leisten muss. Friedenspolitik heißt heute für mich, dass in Gebieten, die latente Kriegsschauplätze sind, verstärkt präventiv (auch mit internationalen Truppen) gearbeitet werden muss. Im Bildungsbereich darf es nicht nur um die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten gehen, sondern auch und ganz besonders um die Vermittlung und das Einüben von Haltungen, Wertvorstellungen und Gefühlen. Als Sozialdemokrat ist es mir wichtig, dass bei der Ökonomisierung aller Lebensbereiche der Gerechtigkeitssinn nicht verloren geht. Und zwar sowohl in Bezug auf den materiellen Ausgleich als auch in Bezug auf das gegenseitige Verhalten.