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Menschen brauchen Werte -
Zur gemeinsamen Verantwortung der Religionen in Deutschland

Vortrag im Rahmen des Tages der Welt-Religionen in Hamburg am 14.11.2002

Anrede!

Es gibt keine uns bekannte Gesellschaft, in der es nicht Religion gibt. Das gilt für die Vergangenheit (bis in die frühesten Spuren menschlichen Zusammenlebens zurück) genauso wie für die Gegenwart. Gesellschaften, die sich bewusst atheistisch verstanden - oder besser: deren führende politische Schichten - haben immer Legitimationen gesucht, die über den jeweiligen Tag hinaus weisen: die kommunistischen Herrschaften unter Berufung auf die Geschichte, die französische Revolution auf die allgemeine Vernunft. Rituale kennen sie alle.

Man braucht kein Religionshistoriker oder gar Theologe (Geistlicher) irgendeiner Religion zu sein, um zu begreifen, dass in der Religion Dinge verhandelt werden, die ein spezifisches Angebot für das Leben der Menschen, ihr Zusammenleben und ihr Welt- und transzendentes Verständnis bieten. Sie sind den Menschen wichtig, um überhaupt leben zu können.

Dies hängt offenbar damit zusammen, dass alle uns bekannten Religionen - auch die, die hier in Hamburg das Gespräch miteinander begonnen haben - ein Weltverständnis artikulieren, das über den individuellen Tod hinausgeht und insofern das definitive Ende von Sein und Bewusstsein des Einzelnen durch den Tod leugnet. Damit dies aber für den Einzelnen überhaupt gelingen kann, gibt es spekulative Ansichten über ein "Jenseits" (sehr unterschiedlich ausgeprägt in den einzelnen Religionen) und daraus rückwirkend spezifische Forderungen an das Verhalten der Menschen im "Diesseits", d.h. im Zusammenleben der Menschen.

Die drei monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum, Islam - berufen sich dabei auf einen alles in der Hand haltenden und allwissend wirkenden Gott, andere Religionen gehen von Vorstellungen der Seelenwanderung und anderen Formen der Transzendenz aus.

Für unseren heutigen Tag ist zunächst die wichtigste Frage, ob es in den Anforderungen des gegenseitigen Verhaltens, des alltäglichen Lebens, des Umgangs miteinander Ansatzpunkte gibt, von denen man ausgehen kann als Fundament der Zukunft.

Auf der in Deutschland geltenden grundgesetzlich abgesicherten Religionsfreiheit (jeder darf glauben, was er will und darf seine Religion praktizieren, sofern er nicht fundamentale Rechte anderer verletzt) gilt es, nach Möglichkeiten zu fahnden, die ein friedliches Zusammenleben - nicht nur Nebeneinanderleben - sichert.

Das Grundgesetz enthält ein Toleranzgebot gegenüber religiösen Vorstellungen und deren Riten. In Deutschland fremd erscheinende Formen der Religionsausübung (Haltung der Betenden als stilles Kopfsenken, Hände falten, auf die Knie fallen in aufrechter Haltung oder als Proskynese, Augen schließen, wackeln, usw. usw.) muss und sollte man nicht nur tolerieren, sondern wollen, dass dies der andere so ausübt. Das Gleiche gilt für die rituelle Kleidung (Talare, Kopfbedeckungen, Bänder) oder rituelle Handlungen (Abendmahl, Wanderungen, Essenszeremonien, Lesungen).

In dieser Hinsicht gibt es im Übrigen unendliche Unkenntnis der Menschen von den Überzeugungen, Handlungen und Glaubensinhalten.

Das Entscheidende des Toleranzgebotes ist, dass ich den anderen respektieren lerne, ohne seine Handlungs- und Denkweise zu übernehmen. Dies ist die prinzipielle Voraussetzung eines friedlichen Zusammenlebens. Dies ist ein Wert, für dessen Einhaltung auch die Religionen einzustehen haben. Sie nur mit staatlichen Mitteln garantieren zu wollen (Polizei, Machtapparat, direkte und indirekte Repressionen), wäre zu wenig.

Nun darf man auch nicht naiv sein. Im täglichen Leben gibt es aus dem Alltag kommende Konfliktsituationen: Sind religiöse Vorschriften kompatibel mit Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses? Welche Rolle spielt das auch grundgesetzlich geforderte weltanschauliche und religiöse Neutralitätsgebot im Leben der Einrichtungen (Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Flughäfen usw.)? Kann die Neutralitätspflicht des Staates bedeuten, dass Kopftücher als religiöses Zeichen für Beamte und Angestellte verboten werden? Dürfte ein jüdischer Lehrer im Unterricht die Kipa tragen? Besteht das Recht, einen Muezzin unmittelbar neben einer Kirche zum Gebet rufen zu lassen? Sollte das Recht auf freie Religionsausübung so durchgesetzt werden, dass das friedliche Zusammenleben von Menschen verletzt wird? Welche Rücksicht ist auf religiöse Feiertage zu nehmen (in Betrieben, Verwaltungen, öffentlichen Einrichtungen)?

Auf diesem Gebiet gibt es die unterschiedlichsten kleinen und großen Konfliktmöglichkeiten. Diese abzuarbeiten und tägliche Lösungen anzupeilen ist das Wichtigste des interreligiösen Gesprächs.

Dies ist leichter, wenn man mehr voneinander weiß. Der Respekt vor einer religiösen Handlung gilt immer, deswegen muss man keinen fremden Gott anrufen oder fremde Formen der Anbetung übernehmen. Das Betreten religiöser Räume (Synagogen, Kirchen, Moscheen, Tempel) hat immer mit Zurückhaltung zu erfolgen, bei touristisch interessanten Gebäuden kann man die auch beobachten.

Zu lernen, wie andere beten, ihre Feste feiern, ihre Kinder erziehen, sich von ihren Toten trennen, begraben, verbrennen, Essensregeln beobachten (koscher essen), Kleidung oder Haartracht tragen usw., baut Konflikte ab. Gerade für junge Leute, für die das Äußere häufig so wichtig ist, ist das ein didaktisch fruchtbarer Zugangsweg.

Naiv wäre es auch, dem Fremden gegenüber einfach das eigene Verständnis von Toleranz zu unterstellen. Es zeigt sich mit zunehmender Zeit des Zusammenlebens, dass man nicht nur das Andere kennen lernen muss (gilt auch für Muslime gegenüber der Mehrheit der Christen und christlich Geprägten). Genauso wichtig ist es, sich selbst kennen zu lernen und seinen eigenen Standpunkt bzw. Glauben zu bestimmen.

Manche christlichen Kinder erfahren erst aus den Gegenfragen jüdischer oder muslimischer Kinder, welches die Glaubensinhalte ihrer Religion oder die religiösen Hintergründe ihrer Feste sind. Es ist nicht sicher, dass die Mehrheit der Deutschen das Karfreitags- und Ostergeschehen wirklich erklären kann, von Pfingsten ganz zu schweigen.
Tolerant kann letztlich nur sein, wer weiß, wer er ist. Sonst führt Toleranz zur Übernahme des anderen oder produziert nur Missverständnisse.

Auf einer ganz anderen Ebene liegt die Frage, ob nicht jeder Religion der Alleingültigkeitsanspruch zugrunde liegt und damit bei Gelegenheit jede Religion versuchen würde, die andere zu beseitigen:

Die Hagia Sophia, das prächtigste Gotteshaus seit Justinians Zeiten wurde 1453 zur Moschee, und manche Çami in Istanbul ist auch heute noch als ehemalige griechisch-orthodoxe Kirche identifizierbar. In Cordoba ist es umgekehrt: Nachdem im 8. Jahrhundert die Westgotenkirche abgerissen wurde, wurde an der gleichen Stelle die herrliche Moschee errichtet, ab 1517 wurde in die Mesquita eine hochgotische Kathedrale hineingesetzt. Auf dem Tempelberg in Jerusalem, wo einst Salomons Tempel stand, stehen heute die Al Aqusa-Moschee und der Felsendom. Im indischen Allahabad zerstörten aufgebrachte Hindus eine Moschee, was wiederum zu grässlichen Massakern führte. In Karamanmasach haben vor 20 Jahren muslimische Sunniten die Aleviten zu Hunderten umgebracht, in Sumgait haben Muslime vor 10 Jahren armenische Christen verfolgt, in Deutschland fanden während des 2. Weltkrieges die grässlichsten Völkermorde an den Juden statt.

Die Weltgeschichte ist voller Beispiele, in denen der Wahrheitsanspruch einer Religion die Menschen anderer Religionen drangsalierte, missionierte oder tötete. Heilige Kriege gibt es in islamischer und in christlicher Begründung. Selbst Europa hat sich erst nach schrecklichen Konfessionskriegen seit dem 30-jährigen Krieg zu praktischer Toleranz durchgerungen.

Im Alten Testament kann man nachlesen, dass es unter den Juden nicht immer friedfertig zugegangen ist.

Es ist eine hoch anspruchsvolle Haltung, trotz der fundamentalistischen allein selig machenden Zuspitzung religiöser Überzeugungen das gleichberechtigte Nebeneinander zu predigen und vorzuleben. Der Boden friedfertiger Gesinnung wird aufgegeben, wenn man Andersgläubigen unterstellt, sie seien Ungläubige.

Die terroristischen Anschläge vor und nach dem 11. September haben nur dann diese verheerende Kraft, wenn man diesen religiösen Impetus unterstellt. Sie sind nicht nur als politisch motiviert zu interpretieren, sondern auch und vor allen Dingen religiös begründet. Eine intolerante Gesinnung tritt zutage, wenn jüdische Immigranten aus den USA wie selbstverständlich aus der Bibel ableiten, sie hätten einen Anspruch auf Siedlungen in Judäa oder Samaria.

Theologisch findet dies seine eigenen Zusammenhänge. So irritiert es selbstverständlich, dass der Islam dem Judentum und dem Christentum einen minderen Status deswegen einräumt, weil der Islam aufgrund seiner Selbstauffassung meint, der Koran sei die letzte Offenbarung und alles, was zuvor war, nur der Weg dorthin.

Genauso können Juden und Christen von ihrem eigenen Anspruch, Glaubenswahrheiten zu vertreten, nicht abgehen. Hier gibt es wahrscheinlich Grenzen des theologisch geführten interreligiösen Gesprächs.

Das ist solange ohne praktische Relevanz, solange daraus keine das allgemeine Zusammenleben und die politische Grundordnung destabilisierende Praxis erwächst. Im Namen der Religionsfreiheit, z.B. einen Kalifstaat ausrufen zu wollen und dies zu verbinden mit einer prinzipiellen Absage an Demokratie, gefährdet allerdings das hier geltende Rechtssystem und die gesellschaftliche Praxis und wird entsprechend behandelt.

Die Stärke aller Religionen ist es, den letzten Grund und die Erklärung der weltlichen Sphäre im Göttlichen verankert zu sehen. Dies führt nach unserem heutigen Verständnis von Toleranz und Lebensnotwendigkeiten zu einer Einschätzung aller weltlichen Dinge als vorletzten Dingen.

Das wiederum führt zu Bescheidenheit, Rücksichtnahme oder auch Demut. Diese Haltung wird gemeinhin als wertorientiert bezeichnet. Es ist also nicht so, dass die Religionen diese Werte zu predigen hätten, sondern eine religiöse Haltung impliziert geradezu diese Werte.

Dies ist auch der tiefere Sinn des Gottesbezuges, der in der Präambel des Grundgesetzes und der Länderverfassungen steht. Wir haben in Niedersachsen vor zehn Jahren eine neue Verfassung diskutiert und 1993 verabschiedet - zunächst ohne Gottesbezug. Auf eine gemeinsame Aktion der evangelischen und der katholischen Kirche und des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden hin hat der Landtag dies in einer sehr ernsten und nachdenklichen Debatte korrigiert. Es ging dabei nicht um eine irgendwie geartete religiöse Prägung des Staates oder seiner Institutionen oder des Rechts. Es ging immer nur - und so ist das auch verstanden worden - um die Letztbegründung auch politischen Tuns.

Ein solches Verständnis war, in historischer Perspektive gesehen, nicht immer vorherrschend. Ich habe darauf hingewiesen, welche historischen kriegerischen Auseinandersetzungen und Verfolgungen daraus erwachsen sind.

Das in den westlichen, christlich geprägten Ländern moderne Verhältnis von Staat und Religion ist selbst ein Produkt eines jahrhundertelangen Emanzipationsprozesses des Säkularen aus der kirchlich dominierten Welt, wobei die innerreligiöse Befreiung durch die Reformation und die weltliche durch die Aufklärung vorangetrieben wurden.

In dem sich entwickelten Verhältnis ist der Raum entstanden für die allgemeinen Menschenrechte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Freiheit von religiöser Bevormundung. Die Konfrontation mancher religiöser Vorstellungen oder Traditionen mit diesen Formen ist nicht immer konfliktfrei. Es ist daher unerlässlich, sich Klarheit und Kenntnis von der religiösen Substanz der jeweiligen Religion zu verschaffen, um identifizieren zu können, wo es Gemeinsamkeiten gibt und wo Trennendes bestehen bleiben muss. Dies ist die gemeinsame Verantwortung der Religionen in Deutschland: sich gegenseitig wahrzunehmen, ihre Anhänger damit vertraut zu machen, dass es mit Respekt zu betrachtende andere religiöse Haltungen gibt.

Die christlichen Konfessionen in Deutschland haben darin einige Übung: die Ökumene ist nicht vollendet und das Abendmahl kann nicht gemeinsam gefeiert werden. Die kritischen Anmerkungen gegenüber den christlichen Kirchen, die heute in der Frankfurter Rundschau vom Vorsitzenden des interreligiösen Rates angemerkt worden sind, teile ich ausdrücklich.

Es ist, wie es ist: Die Religionen können die großen Friedensstifter für die Menschen und zwischen den Menschen sein, wenn sie behutsam miteinander umgehen. Sie können aber auch als das entscheidend Trennende sein, wenn sie sich gegenseitig überfordern.

Der Tag der Welt-Religionen in Hamburg macht Mut für die erste Alternative.