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Möglichkeiten und Grenzen der Stammzellforschung

Hearing der Stiftung Niedersachsen in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landtag
31. August / 1. September 2001 im Plenarsaal - hier: Eröffnung und Begrüßung

Der Niedersächsische Landtag, für den ich Sie hier im Plenarsaal herzlich begrüße, hat sich mit dem auf diesem Hearing diskutierten Problem schon sehr früh beschäftigt.
Im Rahmen der gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften Göttingen veranstalteten Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen hat Professor Dr. Gruss am 12.11.1998 über das „Wunder nach Plan: Das Konzert der Gene bei der Entwicklung“ gesprochen. Und am 16.11.2000 hat Professor Dr. Gottschalk „Über den Zauber der Genomentschlüsselung“ berichtet.
Die inzwischen über die ganze Welt geführte Debatte hat bisher nicht zu einer Klarheit der Entscheidungsgrundlagen geführt.

Als Herr Dr. Hoppenstedt, der Präsident der Stiftung Niedersachsen, und ich uns vor Weihnachten letzten Jahres darauf verständigten, gemeinsam mit dem Wissenschaftsministerium dieses Hearing zu veranstalten, ahnten wir nicht, dass eine derart explosive Aufmerksamkeit für die Fragen der Gentechnik entstehen würde.
Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung, dass sie diese Veranstaltung so sorgfältig und umsichtig vorbereitet haben.

Der Niedersächsische Landtag hat sich am 14.06.2001 gleichsam auf Abwege begeben, als er hier im Plenarsaal - ohne Zuständigkeit, ohne Entschließungstext und ohne irgendwelche Fraktionsrücksichtnahmen - über die „Gentechnik und Menschenwürde“ debattierte. Das Ergebnis liegt Ihnen in Form einer Broschüre vor.

Dass sich in Deutschland die höchsten politischen, wissenschaftlichen, juristischen und theologischen Autoritäten an dieser Diskussion beteiligen, ist in dieser Konzentration neu und hat dadurch eine eigene Qualität. Die großen Zeitungen, Fernsehen und Rundfunk haben beachtlich tief gehende und klärende Beiträge geliefert.
Die diskursive Gesellschaft existiert an diesem Thema. Sie macht aber auch ein Dilemma deutlich, das in demokratischen Gesellschaften nicht aufhebbar ist: Es soll letztlich Klarheit hergestellt werden in Fragen, die fundamentale ethische und religiöse Themen und Grundhaltungen berühren:
Wann beginnt das Leben? Was verstehen wir unter der Würde des Menschen? Wie stehen wir zur Unverfügbarkeit des Menschen? Welchen Stellenwert hat das ethische und medizinische Heilungsgebot? Welche Grenzen hat die Wissenschaftsfreiheit? Welche Rolle sollen wirtschaftliche Erwägungen spielen?

Es geht also um Gewissensentscheidungen, die selbst nur auf der Grundlage enormer Detailkenntnisse gefällt werden können und dennoch einer Mehrheitsentscheidung nicht zugänglich sind. Da aber dennoch entschieden werden muss, muss dies nach unserem Verfassungsverständnis auf der Basis möglichst nachvollziehbarer, wenn auch komplexer Gründe geschehen und darf nicht in purem Dezisionismus oder plattem Opportunismus enden.

Wenn es das Ergebnis dieses Symposiums ist, das notorisch gute Gewissen naiver Wissenschaftsgläubigkeit genauso zu beunruhigen wie die penetrante Besserwisserei fundamentalistischer Grundsätzlichkeit, dann haben wir vielleicht eine Basis erreicht, auf der sich verantwortlich weiter arbeiten lässt.

Ich wünsche Ihnen und uns eine Atmosphäre, in der wir uns gegenseitig zuhören, voneinander lernen und am Ende zufriedener sind als zuvor.