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300 Jahre "Act of Settlement"

Hannoversch-Britische Gesellschaft zu Gast im Niedersächsischen Landtag

Am 15. August 2001 jährte sich zum 300. Male der Tag, an welchem der damalige Sonderbotschafter des englischen Hofes, Earl of Macclesfield, der hannoverschen Kurfürstenwitwe Sophie, einer Enkelin König Jakobs I. von England, die zuvor vom britischen Parlament beschlossene "Sukzessionsakte" ("Act of Settlement") überreichte - die offizielle Bestätigung ihres Anspruchs und desjenigen ihrer Nachkommen auf die englische Thronfolge.

Da sich dieses historische Ereignis nach gesicherten Erkenntnissen im "Leineschloss", dem heutigen Sitz des niedersächsischen Landesparlaments, vollzog, ist dieses Gebäude auf eine besondere Weise der Schauplatz eines geschichtlich interessanten Vorganges geworden, welcher nicht nur die weiteren Geschicke Großbritanniens, sondern auch Hannovers und des heutigen Niedersachsens nicht unerheblich mitbestimmt hat.

Aus diesem Anlass hatte der Präsident des Niedersächsischen Landtages, Professor Rolf Wernstedt, zu einer besonderen nachmittäglichen Festveranstaltung in den Plenarsaal des Leineschlosses eingeladen.

Bereits zuvor waren die Mitglieder der Hannoversch-Britischen Gesellschaft in der Wandelhalle des Hauses eigens zu einem Empfang gebeten, in dessen Rahmen er nachdrücklich die herausragende Bedeutung unserer Gesellschaft für die Pflege und Intensivierung der deutsch-britischen Beziehungen hervorhob.

Bei dem sich anschließenden Rundgang in drei Gruppen durch die Flure und Räume des Landtagsgebäudes mit Einschluss von Eingangshalle, Lobby, Repräsentationssaal, Fraktionsräume und andere Bereiche bestand die Gelegenheit, die einzigartige Atmosphäre dieses gleichermaßen geschichtsträchtigen wie heute modernen Gebäudes „hautnah“ zu erleben.
Die anwesenden Mitglieder der Gesellschaft wurden dabei nicht nur über die Besonderheiten der Architektur des Landtagsgebäudes informiert, sondern auch über die Grundzüge der alltäglichen parlamentarischen Arbeit des Landesparlaments.
Außerdem wurde die besondere künstlerische Konzeption des von Floriano Bodini geschaffenen Landesdenkmals der "Göttinger Sieben" erläutert, deren Protestation aus dem Jahre 1837 in einem gewissen Zusammenhang mit dem Ende der hannoversch-britischen Personalunion zu sehen ist.

Im Plenarsaal des Landtages selbst erläuterte der Unterzeichner noch vor der eigentlichen Festveranstaltung die Besonderheiten des architektonischen Konzepts von Dieter Oesterlen in Bezug auf den nach dem 2. Weltkrieg geschaffenen Plenarsaaltrakt und erläuterte darüber hinaus die mittel- bis langfristigen Überlegungen für einen Umbau dieses Bereichs unter Berücksichtigung der gewandelten Nutzungsanforderungen sowie der Wüsche von Besuchergruppen, Journalisten und Abgeordneten.
Er erläuterte außerdem die über den politischen Alltag hinausgehenden Überlegungen zu einer Änderung der parlamentarischen Debattenstrukturen unter besonderer Berücksichtigung der verschiedenen Diskussionsgegenstände der zur Zeit arbeitenden Enquete-Kommission "Parlamentsreform".

Die eigentliche Festveranstaltung im Plenarsaal des Landtages eröffnete Landtagspräsident Rolf Wernstedt wiederum mit einem besonderen Dank an die Arbeit der Hannover-Britischen Gesellschaft und hob mit Blick auf das gefeierte Ereignis hervor, dass die Thronfolgeregelung jenseits von dynastischer Intrige und Diplomatie sowie adligem Glanz ein Akt des englischen Parlaments gewesen sei - eine im Deutschen Reich gar nicht denkbar gewesene Tatsache.
Er hob auch hervor, dass - historisch gesehen - die Ungleichzeitigkeit der verfassungspolitischen Realität in Kurhannover und nach 1806 bzw. 1814 im Königreich Hannover einerseits und in England andererseits ein besonders interessanter Punkt gewesen sei.
Man könne paradoxerweise auch formulieren, dass Hannover wegen der Abwesenheit des Fürsten bzw. Königshauses und der Mediatisierung durch die englische Politik, welche eben auch europäische- und Weltpolitik gewesen sei, nicht das aus sich gemacht habe, was es hätte machen können. Und wörtlich: "Hannover war insofern weltpolitisch verbandelt, aber dennoch provinziell geerdet".

Der Botschafter des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, Sir Paul Lever, betonte in seiner gleichermaßen höchst informativen wie hindergründig-humorvollen Rede die besondere Bedeutung des hannoverschen und damit deutschen "Exportproduktes" auf die Entwicklung in England und analysierte die heute außergewöhnlich engen - nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch menschlichen - Beziehungen zwischen unseren Ländern.
Er ließ es sich auch nicht nehmen, der HBG zu attestieren, sie sei „Deutschlands effektivste und aktivste Gesellschaft zur Förderung der deutsch-britischen Beziehungen“.

Den eigentlichen Festvortrag hielt sodann Professor Dr. Ernst Schubert, Direktor des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, unter dem Thema "1701 - ein Gedenkjahr für die Geschichte Niedersachsens oder für die Geschichte Europas?".
Er verstand sich zunächst auf eine Interpretation der Besonderheiten des seinerzeit gewählten Zeremoniells und der dahinter stehenden spezifischen Aussage. Er analysierte sodann die Bedeutung der Personalunion für die hiesige Landesgeschichte und fand, die Abwesenheit des Monarchen habe sich nicht nur als nachteilig erwiesen, sondern habe im Gegenteil dem Land auch eine gewisse innere Ruhe verschafft. In europäischer Sicht sei der "Act of Settlement" das prominenteste Beispiel einer Personalunion gewesen. Es habe gerade zu den Leistungen des dynastischen Denkens gehört, den unter einer Herrschaft verbundenen Ländern jeweils ihr Eigenrecht zu belassen.
Und wörtlich: "Wenn wir heute der 'Act of Settlement' in ihrem Frieden sichernden Charakter und damit als einer Möglichkeit gedenken, die in der kriegerischen europäischen Geschichte durchaus vorhanden war, so sollten wir nicht vergessen, dass diese Möglichkeit zeigt, was wahre Politik ist: aus den vorhandenen Gegebenheiten das im Interesse des Friedens Beste zu machen, und dass diese Möglichkeit in ihren genealogischen Voraussetzungen in einer vornehm zurückerhaltenen Frau ihrer Personifikation fand."

Die Redebeiträge waren insgesamt umrahmt durch musikalische Beiträge von Studentinnen und Studenten der Gesangsklasse von Frau Professor Carol Richardson-Smith von der Hochschule für Musik und Theater Hannover unter der musikalischen Leitung von Ralf Popken, welche verschiedene Szenen aus dem "Julius Cäsar" von Georg Friedrich Händel zu Gehör brachten.

Nach dieser Veranstaltung im Plenarsaal wurde in der Wandelhalle des Hauses das "LANDTAG NIEDERSACHSEN Pils" ausgeschenkt, das von der Gilde-Brauerei zu dem vorliegenden Anlass in Erinnerung an die historisch begründeten Braurechte des Landtages ausgeschenkt wurde und welches die wegen des besonders heißen Tag arg getrockneten Kehlen angenehm netzen vermochte... .

Sodann hatten die Mitglieder der Hannoversch-Britischen Gesellschaft die Gelegenheit, im Historischen Museum Hannover unter der Führung von Dr. Thomas Schwark und Dr. Sabine Meschkat-Peters die Ausstellung "Ergeiz, Luxus & Fortune - Hannovers Weg zu Englands Krone" zu besichtigen.

Dr. Franz Rainer Enste