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Kulturlandschaften
Erkennen – Entwickeln

Grußwort zum Hearing des Niedersächsischen Landtages und der Stiftung Niedersachsen am 29.11.2002

Anrede –

Kulturlandschaften zu einem allgemeinen und öffentlichen Thema zu machen, ist in Zeiten der Dominanz ökonomischer Probleme in der öffentlichen Debatte ungewöhnlich. Bisher fand dieses Thema eher in fachspezifischen Kreisen Aufmerksamkeit: bei Umweltschützern, Stadt- und Landschaftsplanern, Denkmalschützern, Landwirten und Künstlern.

Ich bin daher der Stiftung Niedersachsen, insbesondere Herrn Präsidenten Hoppenstedt und dem Generalsekretär Dr. von Koenig sehr dankbar, die Kulturlandschaften in einem zusammenfassenden Sinne zum Thema gemacht zu haben.

In diesem Sinne begrüße ich Sie alle in den Räumen des Niedersächsischen Landtages und hoffen auf 1 ½ Tage fruchtbaren und weiterführenden Gedankenaustausches.

Ich erinnere mich noch genau an mein Entsetzen, als ich als 12-jähriger erstmals vor der Wüstenlandschaft des Braunkohlentagebaus bei Senftenberg in der Niederlausitz stand. Mich trösteten weder die Badeseen und Kiefernwälder, die aus noch älteren Gruben entstanden waren, noch der Hinweis darauf, dass hier viele Menschen ihre Arbeit fanden.

Alle landwirtschaftlichen Eingriffe schienen mir im Vergleich dazu harmlos. Später habe ich gelernt, dass die raumverzehrenden großindustriellen Anlagen der Stolz ganzer Generationen von Arbeitern und Ingenieuren waren.

Der junge Karl Marx nannte die Industrie das aufgeschlagene Buch des Wesens des Menschen. Heute lebe ich ganz in der Nähe eines der schönsten Landschaftsgärten Niedersachsens, des Hinüberschen Gartens in Hannover-Marienwerder.

Ganz gleich, welchen Typus von Kulturlandschaften wir uns nähern, den landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich genutzten, den städtischen industriell oder wohnlich geprägten Regionen, den verkehrstechnisch oder touristisch dominierten, wir sind überall von Lebensräumen umgeben, die vom Menschen geprägt sind.

Völlig unberührte Natur schafft nicht nur romantische Assoziationen, sondern auch bedrohliche. Wir alle sind umstellt von Zeugnissen menschlicher Arbeit, Absichten und Zwecken, die Jahrhunderte zurückliegen können. Unser mitteleuropäischer Lebensraum ist gleichsam geronnene Geschichte.

In ihm finden sich Zeichen von Arbeit und Mühsal, Herrschaft und Unterdrückung, von Zerstörung und Pflege, von verantwortungsloser Ausbeutung der Natur und deren nachhaltiger behutsamer Nutzung.

Das Ergebnis dieses langanhaltenden Prozesses sind manchmal ausgelaugte Landschaften (vgl. auch Griechenland, Libanon, Balkan) und häufig strukturreich und artenreich gestaltete Räume, manchmal bewusst gemacht, manchmal sich ergebend aus einem schonenden Umgang mit der Natur.

Wir wissen heute besser als früher, dass die jeweilige Umgebung Identitätsräume für die Menschen sind. Wir müssen dazu nicht den manchmal missbräuchlich genutzten Begriff der Heimat bemühen. Feldwege, Parks, Bäche, Wälder, historische Bauten, typische Gespräche und Tiere bilden auch Kraftreserven für die Menschen.

Allerdings stellen wir auch fest, dass strukturelle Veränderungen in der Land- und Fortwirtschaft, die Zersiedlung ganzer Räume durch Wohnbereiche und Gewerbegebiete und die Ansprüche der Menschen an Freizeit und Erholung manchen Kulturraum verändern oder unkenntlich machen.

Die Frage, welche Kulturlandschaften in ihrer heutigen konkreten Form im eher statischen Sinne vorrangig zu erhalten sind oder in welchem Ausmaß Weiterentwicklungen und damit Veränderungen im Sinne einer eher dynamischen Entwicklung zuzulassen wären, stellt sich als schwieriges vieldimensionales Problem dar.

Wichtig ist, dass die Menschen vor Ort und darüber hinaus vom Wert und Nutzen, der Erhaltung und Pflege überzeugt werden. Der Schaffung einer reflektierten und bewussten Haltung gegenüber unseren Kulturräumen dient dieses Hearing.

Ich bin sehr neugierig.