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Jüdischer Buchbesitz als Raubgut in öffentlichen Bibliotheken Niedersachsens"

Habent sua fata libelli, heißt es seit der Spätantike: Bücher haben ihr eigenes Schicksal.

Das hat immer gegolten, aber es lohnt sich, auf eine Art von Bücherschicksal besonders zu achten. Es hat nach 1933 zunächst unsystematisch und dann institutionell in Deutschland den Raub jüdischer privater Bücher gegeben, die vielfach in öffentlichen Bibliotheken gelandet sind.

Dies ist auch noch nach 1945 geschehen, als verschleppte Buchbestände in deutsche Bibliotheken ohne nähere Prüfung in die Bestände aufgenommen worden sind.

So haben wir heute in ganz Deutschland, auch in den Landes- und Universitätsbibliotheken eine große Zahl von geraubten Büchern, ohne dass dies noch bekannt ist. Inzwischen wissen wir, dass die damaligen Bibliotheken keine rühmliche Rolle bei der Inventarisierung gespielt haben.

Während die Rückgabe von geraubten Kunstschätzen an die ehemaligen Besitzer oder deren Erben in der Regel systematisch und unter großer Aufmerksamkeit geschieht, liegt das bei den Büchern anders.

Wir verhandeln zu Recht mit den Russen, Georgiern, Polen und anderen darüber, wie aus Deutschland verschleppte Buchbestände und Kunstschätze zurückgegeben werden können, und dies genießt auch große Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ist aber die Sorge über die eigenen geraubten Bestände in unseren Bibliotheken weniger groß.

Das Problem zu benennen ist aber - so glaube ich - für alle hier im Hause vertretenen Fraktionen sagen zu können, eigentlich schon die Zielsetzung. Es ist unsere Aufgabe, solche Bücher aufzuspüren und den rechtmäßigen Besitzern oder deren Erben zurückzugeben.

Vielfach haben einzelne Bibliotheken und Einzelpersonen damit begonnen: in Niedersachsen die Landesbibliothek, die Stadtbibliothek in Hannover, sehr weit fortgeschritten ist die Arbeit in Bremen, Marburg, Tübingen und Freiburg.

Es ist ohne weiteres einsehbar, dass die Identifizierung solcher Bücher unter den Millionenbeständen großer Bibliotheken zeitaufwändig ist, geschultes Personal erfordert und mit großer Mühsal verbunden ist. Dennoch muss von allen begriffen werden, dass dies eine moralische berufliche Pflicht ist und auch so angenommen wird.
Die gemeinsame Erklärung des Bundes, der Länder und der Kommunalen Spitzenverbände zur „Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ von 1999 hat vor 2 Jahren eine konkrete Handreichung zur Folge gehabt.

Mehr als 200 Wissenschaftler, Bibliothekare und Antiquare haben auf einem gemeinsamen Symposium, das der Landtag gemeinsam mit der Niedersächsischen Landesbibliothek im November 2002 hier im Hause ausgestattet hat, darüber geklagt, dass die Umsetzung der Handreichungen zu schleppend und vor allem nicht systematisch genug erfolgt.

Es ist daher in einer Erklärung darauf hingewiesen worden, dass eine politische Willenskundgebung sehr nützlich sein könnte.

Dies ist der Hintergrund für den heutigen Antrag, den Frau Kollegin Litfin und ich formuliert haben und den die drei Fraktionen ohne Wenn und Aber unterstützen.

Die Hinweise auf die konkreten Maßnahmen dieser Entschließung sind fachlich begründet, sie erfordern keine unmittelbaren Landesgelder, machen aber deutlich, dass über Forschungsaufträge, Diplom- und Magisterarbeiten, durch Erfahrungsaustausch und Ausbildungsordnungen der Problemlösung ein neuer Schub gegeben werden kann.

Es handelt sich um mehr als einen bürokratischen Akt, Bücher, deren Eigentümer beraubt und ermordet worden sind, zu finden und den Erben zurückzugeben, ist ein Akt von hoher symbolischer Bedeutung, ganz gleich, wie wertvoll das einzelne Buch sein mag. In nicht wenigen Fällen wird es das einzige original erhaltene Erinnerungsgut seiner oder ihrer Vorfahren sein.

Ich bin sehr dankbar, dass es in dieser Frage keinen politischen Dissens im Niedersächsischen Landtag gibt.