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"Jüdischer Buchbesitz als Beutegut"

Einführende Bemerkungen zu einem Symposium in Kooperation mit der Niedersächsischen Landesbibliothek im Niedersächsischen Landtag am 14. November 2002

- Begrüßung -
Wer sich mit den Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung gegen die jüdischen Mitbürger beschäftigt, stößt auch nach mehr als 50 oder 60 Jahren immer noch auf Überraschungen. Normalerweise gehören Vorgänge, die einen so langen Zeitraum zurückliegen, der Geschichte an. Ernst Nolte hatte sich schon 1986 gewundert, dass diese Geschichte nicht vergehen will und unverhohlen zu einer Revision des Geschichtsbildes gerufen. Dies ist nicht gelungen, und das ist auch richtig. Denn offenbar liegt in dem Beharren auf der weiteren Beschäftigung mit diesem Thema etwas Unabgegoltenes, bisher nicht deutlich genug Artikuliertes.
Aus der Erfahrung der Geschichte der Aufarbeitung des Nationalsozialismus kann man beobachten, dass es in Deutschland dann besonders empfindliche Reaktionen gibt und gab, wenn man die Schuldfrage über den Anteil der unmittelbar überführten Gewalttäter und Politiker erweiterte. Die Frage, was man in Deutschland habe wissen können und wie man darauf reagiert hat, geht sehr nahe. Sie fragt nach dem moralischen und politischen Korsett jedes Einzelnen in einer Gesellschaft und unter bestimmten Umständen. Die Debatte um die Wehrmachtsausstellung hat das sehr empfindlich gezeigt.

Warum hat man der gedankenlosen offenen und unterschwelligen Rederei und Hetze gegen die Juden nichts entgegnet? Warum hat in weiten Kreisen der intellektuellen deutschen Elite Treitzschkes Schlachtruf "Die Juden sind unser Unglück" so viel heimliche und offene Sympathie erhalten? Warum hat bei Drangsalierungen von jüdischen Nachbarn niemand geholfen? Warum hat man nicht nachgefragt, was aus Kollegen, Nachbarn, Kindern oder Bekannten geworden ist? Warum gab es so viel innere und äußere Zustimmung für diese Art von Vergiftung und Hetze? Hat niemand gemerkt, dass man damit den Nährboden für Pogromstimmung abgab?
Alle diese Fragen sind für Menschen, und das sind immer die meisten im Volk, höchst beunruhigend, wenn man nicht zugibt, dass es hier Versäumnisse, vielleicht sogar Schuld gibt. Darüber zu reden ist besonders schwer. Ich erinnere mich daran, dass eine Lokalzeitung in Niedersachsen vor gar nicht langer Zeit einer Schüler-Arbeitsgemeinschaft den Zutritt zu ihrem Archiv verwehrte mit der Begründung, es lebten ja noch Verwandte von lokalen Nazi-Größen und das könnte geschäftsschädigend sein.

Das heute hier zur Diskussion stehende Thema ist von ähnlichem Kaliber. Gibt es in öffentlichen und auch privaten Bibliotheken Bücher, die eindeutig aus jüdischem Besitz stammen und als Folge der Vertreibung, Verhaftung oder Tötung ihrer Eigentümer dorthin gelangten? Die Frage zu stellen, ist bereits ein Teil der Antwort. Wenn man solche Bücher unter aufwändigen Verfahren und teuren Methoden identifizieren sollte, folgt die Frage nach den Umständen des Buchübergangs, der Haltung derer, die das seinerzeit übernommen haben. Die Fragen nach Ahnungslosigkeit, stillschweigender Duldung oder mangelnder Sorgfalt ist nicht weit.
Dies ist ein notwendiger und heilsamer Prozess. Ob man für alle gefundenen Bücher noch einen Eigentümer finden kann, mag bezweifelt werden. Aber einem nachgeborenen Angehörigen ein Buch zurückgeben zu können, das vielleicht die letzte originale Erinnerung an einen umgekommenen Verwandten ist, hat hohen tatsächlichen und symbolischen Wert. Es gibt kein anderes Volk auf dieser Erde, das mit seiner Kultur und Religion so tief verwurzelt ist wie das jüdische. Die Juden gelten ja geradezu als "Volk des Buches".

Ich habe deswegen, als mich Vertreter der Landesbibliothek fragten, ob wir dieses Symposium hier im Landtag stattfinden lassen können, ohne Zögern zugesagt. Es gibt Ideen, die sind so gut, dass man nicht erst lange überlegen muss, sie realisieren zu wollen.
Wenn dies heute die erste Zwischenbilanz sein kann, wie weit die Fragestellungen gehen und welche Erkenntnisse des Problems "Jüdischer Buchbesitz als Beutegut" vorliegen und welche praktischen Folgen daraus zu ziehen sind, ist ein gutes Werk getan.