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'Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus'
 

Rede am 27. Januar 2003 im Rathaus in Uelzen

Anrede!

Es war am 27. Januar 1995, am 50. Jahrestag der Befreiung, in Auschwitz-Birkenau: Es wehte ein kalter Wind von den Beskiden, die Temperatur war in der Nacht um mehr als 15 Grad gesunken.

Frierend standen mehrere Tausend Besucher an den Ruinen der damals gesprengten Gaskammern vor dem Wald der noch erhaltenen Barackenkamine und blickten auf das Mahnmal. Mehr als 20 Staatsoberhäupter, darunter der deutsche Bundespräsident Roman Herzog, blickten auf die Geistlichen, die nach ihrem Ritus Klagelieder oder Gebete sangen und sprachen: jüdische, christliche, muslimische.

Wir, die Zuschauer, bekamen eine Ahnung davon, was die Häftlinge bei ihren stundenlangen Appellen auszuhalten hatten.

Die Gaskammern wirken heute wie getötete menschenfressende Drachen.

Vielleicht war es dieser Eindruck, der Bundespräsident Herzog dann bewogen hat, den 27. Januar in Deutschland als allgemeinen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus vorzuschlagen. Es war eine gute Entscheidung. Sie kam spät und ist nicht leicht zu handhaben.

Spät deswegen, weil Auschwitz in den zurückliegenden Jahrzehnten längst zu einem Symbol für den perfektioniertesten Massenmord der Geschichte aus rassistischen Gründen geworden war und weil dies national und international stark ins Bewusstsein getreten war. Auschwitz war und ist schon lange mehr als nur ein Ortsname.

Als die sowjetischen Truppen am 27. Januar 1945 in das Lager kamen, hatten sich nur etwa 10 000 ausgemergelte Gestalten an den Stacheldrahtzäunen versammelt. Die anderen Überlebenden waren in Todesmärschen in Richtung Westen gezogen. Was dabei passierte, kann man in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ nachlesen. Nur wenige haben diese Märsche - einige davon auch bis Bergen-Belsen - überlebt.

Die SS hatte versucht, die Spuren ihrer Schandtaten in Auschwitz zu verwischen, Gräber gab es nicht, nur Asche und die Utensilien der Ermordeten: Schuhe, Brillen, Kleidung, Haare. Die beiden Gaskammern hatten sie gesprengt, so liegen sie noch heute.

Die russischen Soldaten, und offenbar auch die Offiziere, hatten zunächst die Tragweite dessen, was sie da entdeckt hatten, gar nicht begriffen.

Erst allmählich drangen die Fakten und ihre Zusammenhänge in die allgemeine Kenntnis. Aber spätestens seit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess in den 60er-Jahren ist gerichtsfest dokumentiert, um welche Barbarei es sich dort handelte.

Kriegsverbrechen gab es zu allen Zeiten, auch Völkermord. Aber spätestens seit dem so genannten Historiker-Streit 1986/87 ist herausgearbeitet worden, was das Spezifische der nationalsozialistischen Morde war: die kaltherzig bürokratisch vorbereitete und industriell durchgeführte Massentötung an Frauen, Männern und Kindern, und dies jahrelang.

Wir haben darüber nachzudenken, wie man mit einer solchen historischen Schuld auf Dauer umgeht, 60 Jahre und mehr nach den Taten. Das Vergessen, das so viele haben möchten, ist nicht geglückt – Gott sei Dank.

Aber auch das gebetsmühlenartige Zitat „Nie wieder“ und die routinehafte Abwicklung dieser Erinnerung wäre unangemessen.

Martin Walser hat 1998 in seiner Friedenspreisrede des Deutschen Buchhandels gemeint, man dürfe Auschwitz nicht als „Moralkeule“ benutzen. Es war ein fahrlässiger, ja liederlicher Ausdruck, weil er die Vergessen-Wollenden ermunterte. Er hat die Beunruhigung, die bei der Nennung des Namens Auschwitz mitschwingt, den Menschen nicht nehmen können. Das ist tröstlich.

Denn es muss dabei bleiben: Erinnerung an die Getöteten und Respekt vor ihrem Tod und die beunruhigende Erkenntnis, dass die Täter aus unserem Volk kamen, sind keine frei verfügbare Erinnerungsmasse in unserem Kopf, auf die man gegebenenfalls auch verzichten könnte. Sie gehören zum allgemeinen historischen Bewusstsein unseres Volkes (und anderer Völker), und es bleibt unsere Pflicht, dies zu beachten.

Es hängt an dieser Erinnerung mehr als nur ein Datum. Unser Volk hat sich in dem Jahrhundert, als die nationale Idee überall viel galt, den unglaublichen Exzess des nationalsozialistischen Rassedünkels geleistet und in einer Mischung von Gleichgültigkeit, Ressentiment und kriegerischem Größenwahn Tod und Elend über andere Völker und schließlich über sich selber gebracht.

Es wäre töricht, den heute jungen Menschen irgendeine individuelle Schuld zuweisen zu wollen für ein Geschehen, das sie nur aus Erzählungen oder Büchern oder Filmen kennen. Einem Volk anzugehören, das in der Geschichte und Gegenwart beachtliche Leistungen hervorgebracht hat, ist immer auch ein Identifikationsangebot.

Man muss dann nicht laut grölen, dass man stolz sei, ein Deutscher zu sein, weil man schließlich dafür in der Regel auch individuell nichts kann. Es geht vielmehr um die Erziehung und die Erkenntnis, dass aus derselben Kultur, die wir für uns in Anspruch nehmen, eben auch das Grauen wuchs. Diesen Teil, der in der Vergangenheit so schändlich an die Oberfläche kam, muss man heute und in Zukunft im Blick haben, auch bei uns selbst.

Es ist ja nicht so gewesen, dass die Nazis wie die braunen Männchen vom Mars nur in Berlin und Nürnberg gesessen haben. Sie waren in unseren Dörfern und Städten.

Wer hat eigentlich die Celler Schützen gezwungen, ihren Schützenkönig des Jahres 1931, einen angesehenen jüdischen Kaufmann, aus der Chronik des Celler Schützenvereins 1933 zu tilgen? Und wer hat Salzwedeler Bürger und Jugendliche 1937 gezwungen, den Immelkather Pastor, einen Nazi-Gegner, der durch die Straßen getrieben wurde, zu verhöhnen und bespucken?

Die Bericht über die Verfolgungen von Juden, Gewerkschaftern, Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten sind niemandem verborgen geblieben, auch nicht in Uelzen. Auch die Kriegsvorbereitungen in der Nähe und in der Heide sind allen bekannt gewesen.

Es bleibt die bedrückende Erfahrung, dass auch Diktaturen einen Resonanzboden brauchen, d. h. Rückhalt in der Bevölkerung.

Dieser Rückhalt setzte sich in Deutschland zusammen aus Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, aus sozialen Ängsten gegenüber dem eigenen Schicksal und der Ursachensuche bei anderen, aus wahnhaften Selbstüberschätzungen und Verachtung anderer Völker gegenüber. Den Nazis war schon 1932/33 die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen, wie es Dr. Kurt Schumacher im Reichstag sagte.

Die angemessene Art, mit den schlummernden Ungeheuerlichkeiten umzugehen, muss in jeder Generation neu diskutiert werden. Es gibt dafür kein Patentrezept: es kann in regionaler Gedenkstättenarbeit bestehen, in Ausgrabungs- oder Archivtätigkeiten, in der Suche nach jüdischem geraubten Eigentum, in der Zeitungslektüre der 30er oder 40er-Jahre, in künstlerischen Betätigungen, in Musik, Literatur und Theater und natürlich in den Bildungsangeboten vor Ort.

Entscheidend ist, ein Verantwortungsgefühl dafür zu entwickeln, dass wir Deutschen ein bisschen mehr auf uns achten müssen als andere Völker, nicht wegen der Vergangenheit, sondern wegen der Zukunft.

Wir haben in diesen Tagen noch zwei Jahrestage: Zum 70. Mal jährt sich am 30. Januar der Tag, an dem Adolf Hitler zum Reichskanzler der Weimarer Republik ernannt wurde. Die Nazis haben das in ihrer Sprache „Machtergreifung“ genannt.

Jahrzehntelang ist dieser Begriff gedankenlos nachgeplappert worden. Er beinhaltet sprachlich, dass alle Initiative von den Nazis ausgegangen sei und alle anderen Opfer waren. In Wahrheit gab es aber konkret Verantwortliche, die Adolf Hitler die Macht übertragen haben: ein seniler Reichspräsident, der auf seine Kamarilla hörte und die politischen Eliten der DNVP, Teile der Industrie, der Reichswehr, der Bürokratie u. a..

Diesen Prozess genau zu kennen, ist wichtiger, als andere Daten zu kennen. Denn das 2. Datum, der 60. Jahrestag der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad, hängt ursächlich mit dem 30. Januar 1933 zusammen. Wer Kriege verhindern will, wer Diktaturen bekämpfen will, kommt zu spät, wenn er nicht früher aufpasst.

Die große Sehnsucht der Deutschen nach Frieden hat zu tun mit den Tagen: 30. Januar 1933, 27. Januar 1945 und 8. Mai 1945. Dies ist gewiss lange her, aber es gibt Erfahrungen, die nicht altern. Und heute, an dem Tag, an dem sich bedrohlich ein neuer Krieg abzeichnet, sollte man wissen, woher das deutsche Zögern kommt.

Erinnerung an den Holocaust ist keine antiquarische Übung, sondern Bewusstsein im Heute.