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Grußwort zum Konzert in der Marktkirche anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus

- Anrede -
In diesem Raum, unserer Marktkirche, versammeln sich immer wieder Menschen, die auch außerhalb von Gottesdiensten sich Themen widmen wollen, die nicht dem tagespolitischen Klamauk unterliegen. Es ist der Ort, an dem sich Hunderte von Menschen an Musik erfreuen, sich an Diskussionen oder Vorträgen beteiligen und meditieren.

Der 27. Januar ist uns seit 1995, dem 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, stärker ins Bewusstsein getreten als zuvor. Längst zuvor war Auschwitz das Synonym für den perfektionierten Massenmord aus rassistischen Gründen geworden. Längst zuvor war dieser Name mehr als nur ein Ort. Auch der liederliche Ausdruck von Martin Walser, man dürfe Auschwitz nicht als "Moralkeule" benutzen, hat nichts von der Beunruhigung nehmen können, die bei der Nennung des Namens Auschwitz mitschwingt – ich sage: Gott sei Dank nicht.

Es bleibt dabei: Erinnerung an die Getöteten und Respekt vor ihrem Tod und die immer wieder beunruhigende Erkenntnis, dass die Täter aus unserem Volk kamen, sind keine frei verfügbare Erinnerungsmasse in unserem Kopf. Sie gehören zum kollektiven Gedächtnis unseres Volkes, und es bleibt unsere Pflicht, dies zu beachten.

Es hängt an dieser Erinnerung mehr als nur ein Datum. Das muss es auch. Unser Volk hat in dem Jahrhundert, als die nationale Idee überall viel galt, sich den unglaublichen Exzess des nationalsozialistischen Rassedünkel geleistet und in einer Mischung von Gleichgültigkeit, Ressentiment und kriegerischem Größenwahn Tod und Elend über andere Völker und schließlich über sich selber gebracht.

Dass heute 80% der Bevölkerung die Erhaltung des Friedens so bedeutsam ist, hängt auch mit dem 27. Januar zusammen. Es gibt alte Erfahrungen, die nicht altern. Das Alte Testament kennt sie auch.

Wir sind heute hier, um wieder einmal Andor Iszak vom Europäischen Zentrum für Jüdische Musik und seinen Hamburger Synagogalchor zu hören. Wir kennen sie aus früheren Konzerten.

Das bleibende Verdienst von Iszaks rastloser Tätigkeit ist die Wiederentdeckung und Wiederaufführung synagogaler Musik - sei es choraler oder orgelgeleiteter. Ohne seine Bemühungen gäbe es bestimmte Lieder nicht mehr. Und dies wäre dann ein später Triumph der geistigen und tatsächlichen Mörder von Auschwitz gewesen.

Es ist Herrn Iszak und den Musikanten und Ihnen als den Gästen des Konzerts daher vielfach zu danken: aus dem Gedenken an die Toten zugleich eine Freude und Hoffnung für die Lebenden zu machen.