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Die Rolle der älteren Generation in der Gesellschaft

 

Lassen Sie mich meine Überlegungen zur Rolle der älteren Generation in unserer Gesellschaft mit zwei Anekdoten beginnen, um daran anschließend einige Assoziationen und Schlussfolgerungen zu dem Thema zu formulieren.

Die erste Anekdote: Wie viele Jugendliche habe ich zwischen 16 und 20 Jahren ein Tagebuch geführt. Als mein Stiefvater seinen 32. Geburtstag feierte, notierte ich „Vati wird schon 32“. Ich war damals 16.

Die zweite Geschichte: Beim Besuch einer Grundschule in Hameln vor einigen Jahren musste ich, weil jede Klasse den Kultusminister bei sich sehen wollte, mit meiner kleinen Begleitung in jeden Klassenraum. In einer 4. Klasse setzte ich mich mit an einen Tisch, ohne mich zunächst zu erkennen zu geben. Die neben mir sitzende Schülerin fragte mich vertraulich, wer von den Männern denn der Kultusminister sei. Sie vermutete den Jüngsten mit dem auffälligsten Jackett. Als ich verneinte und ich ihr sagte, ich sei es, rief sie spontan aus: „Oh, bist du aber alt“. Ich war natürlich keineswegs beleidigt, aber die Schulleiterin fand diese Äußerung sehr peinlich.

1. Assoziation
Wir wissen es alle: Das, was Alter ist, ist für die jeweils Jüngeren immer etwas Bemitleidenswertes. Jede oder jeder Ältere ist in der Sicht der Jüngeren ja wahrscheinlich dem Tod etwas näher als man selbst, mit Sicherheit aber weniger genussfähig und hoffnungsvoll. Es ist völlig müßig, darüber zu streiten, was daran wahr sei. Auch die schönen Schriften von Cicero und Seneca ändern daran nichts.

2. Assoziation
Die Beobachtungen zur demographischen Entwicklung in Deutschland und Europa sind Ihnen alle bekannt. Europa ist gegenwärtig der älteste Kontinent. Die Eltern bekommen immer später Kinder. In den Ländern mit hohem Wohlstandsstandard wie in Westdeutschland oder großer politischer Verunsicherung wie in den neuen Bundesländern entschließen sich Ehepaare oft erst nach der beruflichen Etablierung für Kinder. Daher kommt es immer häufiger vor, dass Frauen erst um die 30 oder in noch älteren Jahren ihr erstes Kind bekommen.

3. Assoziation
Andererseits steigt das Durchschnittsalter der Menschen, weil man heute länger lebt. Gesundheitsvorsorge und medizinische Möglichkeiten wirken individuell lebensverlängernd. Es ist dann aber keineswegs so, dass damit die Anwesenheit im Arbeitsprozess sich verlängerte. Im Gegenteil: Durch den ständigen Rationalisierungsdruck wird die Zahl der traditionellen Arbeitsplätze seit mehr als 30 Jahren kontinuierlich reduziert. Neue Arbeitsplätze mit hohem Anforderungsprofil in Kenntnissen der IuK-Techniken und Dienstleistungsberufen werden überwiegend von jüngeren Menschen besetzt. In diesem Prozess verlieren die Älteren. Seit den 70er-Jahren wird das Ruhestandsalter immer niedriger. Die Großindustrie hat bereits 1973/74 mit der so genannten 58er-Regelung begonnen. Seitdem sind Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern früher als es die normale gesetzliche Regelung vorsah, in den Ruhestand getreten. Dies hat wiederum einen doppelten Effekt: Im Ruhestand befinden sich immer mehr Menschen, die noch ausgesprochen leistungsfähig sind (körperlich und geistig), während sich das Durchschnittsalter in den Betrieben, Verwaltungen und Dienstleistungsunternehmen ständig verringert (mit Ausnahme des Bildungssektors). Jeder oder jede, die älter sind als 45 oder 50, hat praktisch keine Chance mehr, auf dem Arbeitsmarkt vermittelt zu werden, wenn er seine Stellung verliert. Dies macht die besondere Sensibilität des Themas aus. Hochgelobte Rationalisierungseffekte (Standort Deutschland) korrelieren unmittelbar mit verstärkter Angst, Verunsicherung und Entwertung des Selbstwertgefühls der Menschen. Die jungen Führungskräfte können dem Anforderungsdruck kaum noch standhalten und die älteren sind nicht mehr gefragt, obwohl sie geistig weiterhin leistungsfähig sind. Ob die Verlängerung der Lebensarbeitszeit auf jetzt 65 Jahre bei Männern und 63 Jahre bei Frauen auf diese grundsätzliche Einstellung gegenüber älteren Arbeitnehmern und Arbeitsuchenden Auswirkungen haben wird, wage ich allerdings zu bezweifeln.
4. Assoziation
Von enormem volkswirtschaftlichen Gewicht ist es, dass in den nächsten zwanzig Jahren erstmals in Deutschland eine ganze Generation ihr erarbeitetes bzw. erworbenes Vermögen vererbt. Weder Inflation noch Währungsreform haben einen Vermögensschnitt bewirkt. Durch diese hohen Vermögenswerte besitzt die ältere Generation ein höheres Interesse anders als in allen Generationen davor. Wirtschaft und Politik müssen auf sie Rücksicht nehmen. Deswegen ist aus dem politischen Bereich unmittelbar ablesbar, dass die Rücksichtnahme auf die zahlenmäßig starken Altersjahrgänge enorm ist. Von der Stimmenzahl der Wählerinnen und Wähler her kann keine Politik gemacht werden, die nicht von den Älteren akzeptiert wird.

Neben diesen von mir genannten unmittelbaren Folgen der Altersveränderung gibt es auch Folgen indirekter Art. Dazu zähle ich:
Die Bildungsmöglichkeiten der älteren Menschen müssen erhöht werden. Volkshochschulen, Hochschulen, Selbsthilfeorganisationen und andere Erwachsenenbildungseinrichtungen leisten bereits Hervorragendes. Auch die Möglichkeit, im Selbststudium durch die Nutzung moderner Informationsmittel neu sich in der Gesellschaft zu positionieren, darf nicht verachtet werden. Forschungsergebnisse werden interessanterweise auch von älteren Menschen erbracht. Im Übrigen kann man von dem stark ausgeprägten Arbeitsethos der Älteren manche Vorbildwirkung erwarten. Die Anwesenheit älterer Menschen in unseren Bildungseinrichtungen dient in Zukunft nicht nur der Selbstverwirklichung der älteren Menschen, die im Alter das nachholen wollen, was sie gerne während ihres Lebens hätten machen wollen, aber nicht konnten. Sie erreichen inzwischen richtige Abschlüsse und entsprechende Anerkennung.

Großkonzerne gehen dazu über, das bei den älteren Menschen akkumulierte Erfahrungswissen und tatsächliche Wissen neu zu organisieren und für sich nutzbar zu machen. Durch die neuen Medien wird es möglich, ihre Erfahrungssubstanz in angemessener Weise bei den Entscheidungsprozessen neu zu rekonstruieren. Wenn es richtig ist, dass in Zukunft der sozialen Kompetenz und den Dienstleistungsberufen insgesamt größere Bedeutung zugemessen wird, wäre es geradezu fahrlässig, die Kompetenzen der älteren Generationen vollständig einfach in den Ruhestand gehen zu lassen. Viele Betriebe, die in den vergangenen Jahren unter dem Rationalisierungsdruck immer mehr ältere Menschen entlassen haben, bedauern in manchem Prozess der Produktion und des Verkaufs die Abwesenheit erfahrener älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ältere Menschen sind sehr häufig in Ehrenämtern anzutreffen. Bei der Übernahme von Vereinsvorsitzen in kulturellen Einrichtungen oder Bildungseinrichtungen findet man häufig pensionierte oder bereits im Rentenalter befindliche Menschen. Bei der Übernahme solcher Ehrenämter durch ältere Menschen braucht man nicht zu unterstellen, dass sie dies aus Karriereabsichten tun. Ein solches ehrenamtliches Engagement führt auch zur Entlastung der mittleren Generation, die inzwischen in einer Weise in Anspruch genommen wird, dass fast jede anspruchsvollere Tätigkeit im ehrenamtlichen Bereich kaum noch möglich ist oder nur noch mit großen Opfern bestritten werden kann. Das Engagement von älteren Menschen in solchen Einrichtungen ist, wie ich finde, gesellschaftlich bedeutsam und sollte deswegen auch nicht vergessen werden.

Einen zunächst mehr privaten Aspekt älter werdender Menschen möchte ich hier kurz ansprechen. In dem Maße, in dem die Kinder die Familie verlassen und ein eigenes Leben gründen und die älter werdenden Menschen aus dem Berufsleben ausscheiden, sind sie gezwungen, sich selbst aufeinander neu zu beziehen und neu zu definieren. Hier wird erhebliche gesellschaftliche Kraft, welche die Konfliktverarbeitungsfähigkeit unter Beweis stellt, aufgebracht. Was hier an Erfahrungen auch im privaten Sektor weitergegeben werden kann und vielleicht sogar verallgemeinerungsfähig ist auch für jüngere Jahrgänge, kann zu neuen Überlegungen der Lebensqualität Anlass geben. Die humane Qualität einer Gesellschaft bemisst sich wesentlich daran, wie man im menschlichen Kleinraum umgehen kann.

Es gibt noch eine Einsatzmöglichkeit älterer Menschen, die häufig nicht konkret genug im Bewusstsein ist. Man kann Ältere einwerben für die Mitarbeit unmittelbarer Projekte. Gerade im Bereich der Umwelttechniken und der Planung von Umweltvorhaben sind ältere Menschen hervorragende Gesprächspartner.

Eine ähnliche Funktion haben ältere Menschen als Firmenberater. Es ist immer wieder zu hören, dass ältere Menschen entweder als Firmenberater oder selbst als Firmengründer in Erscheinung treten. Mir selbst sind Beispiele bekannt, wo aus dem Bereich des Öffentlichen Dienstes ausscheidende Ingenieure, Architekten usw. sich nach ihrer Dienstzeit noch selbständig machen und erfolgreich im Wirtschaftsleben operieren. Eigentlich ist diese Erfahrung insgesamt gar nicht neu, da nach Übernahme eines Handwerks- oder anderen Betriebes durch die jüngere Generation die Älteren häufig noch mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Eine ähnliche Funktion können ältere Menschen im Bildungs- und Erziehungswesen als aktiv Teilhabende einnehmen. Bei gewissen ergänzenden oder auch betreuenden Maßnahmen ist die Erfahrung älterer Menschen sehr wohl nützlich einsetzbar, ohne dass sie zu teuer und belastend wird. Dabei ist nicht daran zu denken, den normalen Pflichtteil von älteren Menschen wahrnehmen zu lassen, sondern Aspekte von Erziehung und Bildung in die Waagschale zu werfen, die unter Umständen sonst nicht auftauchen. Wirkliche Erfahrung weiß, dass es immer Situationen gibt, wo die Erfahrung nicht zählt. Dies ist auch eine Erfahrung. Man sollte beispielsweise in Schulen die Fähigkeit zu erzählen nicht unterbewerten. Ich kenne Schulklassen, in denen inzwischen die Erzählungen der Großmütter oder sogar Urgroßmütter spannender sind als manches Game-Boy-Spiel.

Ein Nebenaspekt der Beratungstätigkeit konnte in den Jahren der Wende in den neuen Bundesländern beobachtet werden. Vielleicht wäre auch der deutsche Einigungsprozess weniger vorurteilsbeladen vor sich gegangen, wenn mehr ältere und idealistisch eingestellte erfahrene Berater in den Osten gegangen wären als dies der Fall war. Ich kenne einige, die als One-Dollar-Man in die neuen Bundesländer gegangen sind, um ihre ganze Erfahrung dort einzusetzen. Sie gehören nicht zu denjenigen, die mit schamloser Abzockerei das Image der neuen Gesellschaft so schwer geschädigt haben. Ältere Menschen konnten den Leuten im Osten klarmachen, dass sie nicht um ihren Posten oder wichtige Geschäftemacherei in den Osten gekommen sind.


Ich möchte noch ein paar allgemeinere Gedanken über das Alter und das, was an Problemen dazu aufkommen mag, hinzufügen. Der unbestreitbare und nicht aufhebbare Nachteil des Alters ist, dass die älteren Menschen durchschnittlich eine geringere Lebenszeitperspektive haben als alle jüngeren. Man denkt bei den Älteren vielleicht in zehn, wenn es hochkommt in zwanzig Jahren. Junge Menschen rechnen dagegen in der Regel in Zeitperspektiven von 30 – 40 Jahren. Aus Anlass der 250-Jahr-Feier der Gründung der Universität Göttingen sprach die Erste Vorsitzende des AStA vor einigen Jahren mit frischem Mut und sagte, dass sie, die sie hier vorne stehe, wahrscheinlich mindestens 40 Jahre länger leben werde als sie alle, die vor ihr säßen. Aus dieser, wenn man so will, emphatischen jugendlichen Pose heraus, hat sie dann ihre Forderungen definiert und ist selbstverständlich auf nicht viel Widerstand gestoßen. Ähnliche Generationenkonflikte – wenn auch auf einer fast absurden Ebene - erlebt man z.B. im Sport, wenn sehr junge Sportler gerade mal 30-jährige besiegen und damit aus dem öffentlichen Bewusstsein verstoßen.

Die lange Perspektive, das darf man nicht gering schätzen, schafft bei jüngeren Menschen ein ungeheures Gefühl von langer Kraft. Dieses Gefühl gönnt man natürlich den Älteren nicht und ahnt, dass sie auch diese Kraft nicht mehr haben. Was man als älterer Mensch nur sagen kann, ist, dass es natürlich ein Vorurteil ist, wenn die jungen Menschen glauben, dass ältere Menschen unfähig seien, große, hohe und wichtige Gefühle von Zukunft, von Aufbruch und Schwung haben zu können. Auch Genussfähigkeit ist kein Privileg der Jugend. 10 Jahre bewusstes Leben im Alter können wertvoller sein als 40 vertane Jahre, bloß weil man glaubt, man habe sie noch vor sich. Solcherart Überlegungen haben etwas zu tun mit menschlicher Existenz überhaupt.

Zwischen den Generationen existieren ungeheuer viel an Urteilen und Vorurteilen. Man sollte sich allerdings auf diese Art von Philosophieren nicht versteifen. Auch Marc Aurel, der das spitzfindigste Argument von Alter und Tod gefunden hat, tröstet wohl im Endeffekt nicht. Er meinte, dass die Menschen mit dem Tode nicht die Perspektive verlieren, sondern nur den Augenblick. Und der ist dann, wenn man jung ist, der gleiche Augenblick wie der, wenn man alt ist. Allerdings ist das Philosophieren über den Tod und die religiöse Fundamentierung jeder menschlichen Existenz nicht nur ein Privileg des Alters. Immer dann, wenn man mit Jugendlichen über einen unerwarteten Tod sprechen muss, zum Beispiel bei einem tödlich verlaufenden Verkehrsunfall von Klassenkameraden oder Gleichaltrigen, merkt man, wie tiefgründig Jugendliche argumentieren können.
Ich möchte zum Schluss noch einen Gedanken einbringen, der mir aus der Globalisierungsdebatte wichtig zu sein scheint. Wie erleben in dieser Debatte eine totale Entwertung des Alters. Und zwar nicht nur aus der existentiellen Perspektive jüngerer Menschen, sondern aus der Anforderung, die an zukünftige Arbeitswelten und zukünftiges Arbeitsverhalten gerichtet werden. Wenn in den ökonomischen Sektor hineingenommen wird, was aus der philosophisch-existentiellen Debatte bekannt ist, dass nämlich ältere Menschen prinzipiell keine Dynamik haben, dass die Kreativität älterer Menschen zu gering sei, dass so etwas wie Verkalkung prinzipiell sehr früh einsetze, dass man zum alten Eisen gehöre, dann hat man sehr differenzierte Abgrenzungsmechanismen erhalten, die eine schnellere Verwertung von Kapital möglich machen. Der Zynismus der Jugend besteht dann nicht nur darin, dass man jünger sei und deswegen leistungsfähiger, sondern auch darin, dass ältere Menschen auch ökonomisch wertlos seien.

Die neue Qualität der neuen Zeit ist, dass im Kampf um die enger werdenden Arbeitsplätze die alte Auseinandersetzung der Generationen plötzlich ein ökonomisches Gesicht erhält und sich ökonomisch gegen die Alten richtet. Am Augenfälligsten ist dieser Trend abzulesen bei der Beherrschung von Computern. Es ist allgemein bekannt, dass ältere Menschen sich schwerer tun in der Handhabung von Computern, weil die kreative Handhabung auch mit Spielerischem zu tun hat und ältere Menschen davor eher zurückschrecken. Der Umgang mit den modernen Informationstechnologien ist aber nicht nur ein quantitativer Sprung, sondern enthält sehr viel qualitativ Neues. Komplexe Kenntnisse der gegenwärtigen Technologien sind offenbar nicht mehr derart wie früher komplexe Kenntnisse von Wissen gestaltet. Konnte man früher davon ausgehen, dass es so etwas wie Grundlagenwissen gibt, auf dem alles andere aufbaut, so muss man heute davon ausgehen, dass sich die Kenntnisse ständig neu organisieren. Das bedeutet, dass auf einem bestimmten Kenntnisstand von Informationen diejenigen, die heute im Arbeitsprozess stehen, ständig mit einem Fähigkeitsverlust zu rechnen haben. Denn die Grundkenntnisse in der Anwendung der Informationstechnologien sind nur begrenzt weiter verwertbar. Diesen Prozess müssen bereits 30- oder 35-jährige durchmachen. Daher sind die heutigen Einstellungschancen bereits für 40-jährige schlechter als dies überhaupt wahrgenommen wird. Es gibt in diesem Feld, wenn man so will, keine Autorität der Erfahrung, geschweige denn des Alters. Die Vorzüge, die hier das Alter einbringen könnten, liegen nicht auf der Ebene des schnellen Informationsaustausches, sondern der Interpretation, der Bedeutung und damit der Sinnerschließung.

Im Schnelligkeitsparadigma sind allerdings alle Sinnfragen hemmend für die Produktivität und die Gewinnmaximierung. Zu bedenken wäre in diesem Prozess, dass eine Ökonomie, die die Erfahrung ausstößt, eine potentielle Selbstgefährdung betreibt. Der amerikanische Soziologe Richard Sennet sagt, dass das neue Regime, das sozusagen in der Schnelligkeit der Kapitalverwertung besteht, dass der pure Ablauf der Zeit, der zur Ansammlung von Kenntnissen notwendig ist, einer Person Stellung und Rechte verleiht. Insofern sitzen die persönlichen Ängste der Menschen, auch der jüngeren, die im Arbeitsleben stehen, schon bei den 30-Jährigen tief in ihnen drin und sind verbunden mit der Art der neuen Arbeit, die im Zusammenhang mit Globalisierung bei uns diskutiert und verknüpft wird. Das Vergehen der Jahre scheint insofern uns alle auszuhöhlen. Und natürlich wenn man jung ist, glaubt man, dass man mit 30 Jahren alt sei. Dies ändert auch nichts daran, dass sich die 30-Jährigen selbst sehr jung fühlen.

Die neue Entwicklung des Arbeitslebens und der globalisierende Effekt beschreiben eine neue Dimension, über die man glaube ich, sehr nachdenken muss. Als politischer Mensch und als Politiker mit inzwischen auch einigen Jahren Erfahrung auf dem Buckel kann ich nur sagen, dass die ältere Generation noch die Verpflichtung hat, das Geld in Form der Rente oder der Pension nicht nur für sich selber zu genießen, sondern den Kommunikationszusammenhang, die Fähigkeit der Generationen miteinander zu reden, für sich als Aufgabe zu reklamieren hat.

Ich würde es nicht gestatten, dass die jüngere Generation, nur weil sie jung und ökonomisch erfolgreich ist, prinzipiell sagt, die Alten verstehen mich nicht. Die Alten haben immer eine Bringschuld des Verständnisses gegenüber den Jungen. Diese Bringschuld gegenüber den Jüngeren beinhaltet auch, dass bestimmte Erfahrungen, die aus der Geschichte resultieren weiterzugeben sind, um die Jungen vor Unheil zu bewahren. Dies darf - und das ist die Erfahrung dieses Jahrhunderts - nicht mit dem moralischen Zeigefinger geschehen, sondern mit allen Möglichkeiten moderner Informationsverarbeitungstechniken.

Ich will schließen mit einem Gedicht von Fontane. Es lautet:

Die Alten und die Jungen

„Unverständlich sind uns die Jungen“,
wird von den Alten ständig gesungen;
Meinerseits möchte ich’s damit halten:
„Unverständlich sind mir die Alten.“
Dieses am Ruder bleiben Wollen
In allen Stücken und allen Rollen
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer „Augen stillem Weinen“,
Als wäre der Welt ein wehgetan –
Ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsere Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Bessres schaffen und leisten
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einem Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sän oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
Eins lässt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehen, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.